Bund gegen Anpassung
02.12.2003
Offener Brief eines US-Veteranen an die amerikanischen Soldaten im Irak
Liebe amerikanische Soldaten im Irak,
ich bin ein im Ruhestand lebender Veteran der Armee, und mein Sohn befindet sich unter euch, ein Fallschirmjäger wie ich es einst war. Die veränderten Bedingungen, denen ein jeder von euch ausgesetzt ist manche mehr, andere weniger , kenne ich selbst sehr gut. Und so sage ich euch ein paar Dinge, frei von der Leber weg und in einer Sprache, wie ihr es gewohnt seid.
1970 kam ich bei der 173. Luftbrigade zum Einsatz, die seinerzeit in der Nordprovinz Binh Dinh der damaligen Republik Vietnam stationiert war. Als ich dort eintraf, war mein Kopf voller Scheiße: Scheiße aus den Nachrichtenmedien, Scheiße aus den Kino- und Fernsehfilmen, Scheiße bezüglich der Ansicht, was es wohl bedeute, ein Mann zu sein, und Scheiße aus Gesprächen mit meinen völlig ahnungslosen Nachbarn, die eine Menge Mist über den Krieg im allgemeinen und über Vietnam verzapften, obwohl sie nie dort gewesen waren.
Und worauf lief die ganze Scheiße raus? Daß wir »in Vietnam Kurs halten« sollten, daß unser Auftrag darin bestehe, gute Vietnamesen vor schlechten Vietnamesen zu schützen und die schlechten Vietnamesen dran zu hindern, Brückenköpfe vor Oakland zu errichten. Wir »hielten Kurs« solange, bis 58000 Amerikaner tot waren und noch viel mehr ihr Leben lang verstümmelt, bis 3 Millionen Ostasiaten ums Leben gekommen waren. Ehemalige Soldaten und selbst viele im Militärdienst Aktive spielten eine wichtige Rolle, um diesem Verbrechen schließlich Einhalt zu gebieten.
Als ich davon hörte, daß die Vereinigten Staaten durch Massenvernichtungswaffen des Irak bedroht würden eines Landes, das nach zehnjährigem Stellungskrieg ausgeblutet war und nach der darauffolgenden Invasion und zwölfjährigem Embargo am Boden lag , da lautete meine erste Frage: Wie zum Teufel kann irgendeiner glauben, daß dieses malträtierte Land eine Gefahr für die Vereinigten Staaten darstellt? Aber dann fiel mir ein, wie viele Leute damals glaubten, daß Vietnam die Vereinigten Staaten bedrohte. Einschließlich mir.
Als man mit der Scheißgeschichte dieser Waffen herumwedelte wie mit einem zwei Dollar-Hemd, da erzählten die Politiker, die die Kriegssuppe angerührt und hochgekocht hatten, einem jeden, auch euch, daß ihr wie große Befreier begrüßt würdet. Und so hatten sie auch uns erzählt, wir seien in Vietnam, um sicherzustellen, daß ein jeder dort wählen könne.
Aber was sie mir nicht erzählten, bevor ich 1970 da drunten eintraf, war folgendes: daß die amerikanischen Streitkräfte Dörfer verbrannt hatten, das Vieh vernichtet, Äcker und Wälder vergiftet, wie zum Sport Zivilisten getötet, ganze Ortschaften bombardiert, Vergewaltigungen und Massaker begangen hatten. Man hatte mir nicht erzählt, daß die Leute dort, die deswegen ächzten und in rasende Wut gerieten, gar nicht in der Lage waren, zwischen mir, einem Neuankömmling in ihrem Land, und jenen zu unterscheiden, die ihnen all diese Dinge angetan hatten.
Und euch haben sie verschwiegen, daß zwischen 1991 und 2003 mehr als 1½ Millionen Iraker gestorben sind, wegen Unterernährung, fehlender Medikamente und katastrophalen hygienischen Bedingungen. Eine halbe Million dieser Toten zählte zu den Schwächsten: die Kinder, insbesondere die Säuglinge.
Mein Sohn, der jetzt dort unten ist, hat ebenfalls ein Baby. Wann immer wir können, geben wir uns mit unserem Enkel ab. Er ist jetzt elf Monate alt. Viele von euch haben Kinder, und so brauche ich euch kaum zu erzählen, wie sehr man sie gern hat, so gern, daß alles um einen herum zusammenbräche, wenn ihnen etwas zustieße. Genau dasselbe empfinden die Iraker gegenüber ihren Kindern. Und deshalb werden sie es nie vergessen, daß die Regierung der Vereinigten Staaten der Hauptverantwortliche für den Tod einer halben Million Kinder ist.
Das Gedöns, ihr würdet als Befreier begrüßt, war nichts anderes als eine Lüge. Eine Lüge für die Bürger der Vereinigten Staaten, damit sie ihre Geldbeutel öffnen, um diese Schweinerei zu bezahlen, und eine Lüge für euch, um euch zum Kampf aufzustacheln.
Wenn ihr das in Betracht zieht, ist eins klar: Wärt ihr an der Stelle der Iraker, dann wärt ihr auch nicht gerade scharf darauf, daß amerikanische Soldaten in eure Städte und Dörfer einmarschieren. Genau das war die unerbittliche Realität, mit der ich in Vietnam konfrontiert war. Eins wußte ich sicher, als ich dort war: Wäre ich ein Vietnamese, dann wäre ich bei den Vietcong.
Aber so waren wir dort, abbefohlen in irgend jemandes Land, spielten die Rolle der Besatzer und hatten keinen blassen Schimmer von den Leuten, ihrer Sprache, ihrer Kultur, unsere Köpfe voller Scheiße, die unsere sogenannten Führer bei unserer Ausbildung und der Vorbereitung zum Einsatz, ja noch in Vietnam selbst verzapften. Da waren wir also und hatten mit Leuten zu tun, über die zu herrschen man uns befahl, von denen aber ein jeder uns des Nachts mit Granatfeuer und Gewehrkugeln eindecken konnte. So stellte sich uns die Frage: Wer hat uns in diese Lage gebracht?
Während wir kämpften, um zu überleben, und sie alles versuchten, um die fremden Eindringlinge zu vertreiben, die ihre Würde verletzt, ihr Eigentum zerstört, unschuldige Menschen umgebracht hatten, waren wir untereinander einer Kraftprobe ausgesetzt wegen Leuten, die diese Entscheidungen in 5000 Dollar-Anzügen trafen, die sich einen abgeierten und in Washington auf die Schulter klopften, elenden Fettärschen, die sich mit Cordon bleu und Kaviar vollstopften.
Sie verarschten uns. Ein jeder kann verarscht werden.
Jetzt ist die Reihe an euch. Nur daß es weniger Bäume und Wasser gibt.
Wir haben nicht rausgekriegt, wie man diese ölgierigen Käsgesichter in Washington mit ihren plumpen Vertraulichkeiten stoppen könnte. So wie's aussieht, werdet ihr alle noch eine Weile drunten bleiben. Und so erzähle ich euch, wie die Geschichte weiterging.
Ich wurde in Vietnam umgepolt, und was dort abging, war alles andere als schön. Ich wurde allmählich in eine Sache reingezogen etwas, das anderen Leuten Schmerzen verursachte. Um sicherzugehen, daß man mich nicht als einen Scheißmissionar oder möglicherweise als Spitzel betrachtete, lernte ich mich in die Gruppe einzufügen, mich anzupassen. Diese Gruppe war wie unberührbar, mit völlig durchgeknallten Leuten, die auf einen Allmachtsrausch aus waren, der einen überkommt, wenn man jemandes Haus anzündet nur aus Spaß an der Freude oder jemanden umbringt, sei's Mann, Frau oder Kind, ohne einen weiteren Gedanken dran zu verschwenden. Diese Leute hatten die Macht über Leben und Tod weil sie's konnten.
Der Zorn hilft. Es ist einfach, jeden zu hassen, dem man der Umstände wegen nicht trauen kann, in eine Raserei zu geraten wegen Dingen, die du gesehen hast, die dir angetan wurden, die du selbst getan hast und die du nie mehr zurücknehmen kannst.
All das war wie ein Schauspiel für mich, um tieferliegende Ängste zu vertuschen, die ich nicht benennen konnte. Der einzige Grund, den ich angeben kann, ist folgender: Wir mußten unsere Opfer entmenschlichen, bevor wir taten, was wir taten. Wir wußten im Grunde ganz genau, daß es falsch war, was wir machten. Sie waren für uns nichts weiter als Schlitzaugen und Reisfresser, so wie man die Iraker jetzt zu Wüstenpennern oder Hadschis herabwürdigt. Man muß die Leute auf den Status von "Niggern" drücken, bevor man sie lynchen kann. Da gibt es keinen Unterschied. Wir redeten uns ein, wir müßten sie töten, um zu überleben, auch wenn das nicht stimmte. Aber irgendeine innere Stimme sagte uns, solange sie menschliche Wesen waren mit einem dem Menschsein innewohnenden Wert, solange war es uns nicht gestattet, ihre Häuser und Speicher zu verbrennen, ihr Vieh zu töten und manchmal sie selbst umzubringen. Also gebrauchten wir diese Worte, verpaßten ihnen diese Namen, um sie ihrer wesentlichen Menschenwürde zu entblößen. War das geschehen, dann konnten wir unsere Geschütze auch auf das Schreien eines Säuglings hin ausrichten.
Bis dieser Säugling aber zum Schweigen gebracht war und jetzt kommt das Wichtigste, das zu verstehen sich lohnt , so lange hatte er seine Menschenwürde nicht verloren. Ich aber hatte sie verloren. Wir alle. Du merkst das erst, wenn's zu spät ist. Wenn du einem anderen die Menschenwürde raubst, tötest du die Menschenwürde in dir selbst. Du mußt deiner eigenen Menschlichkeit Gewalt antun, weil sie dir im Wege steht.
So erledigen wir unseren Job und kehren zu unseren Familien zurück. Sie merken, daß wir zwar äußerlich funktionieren, innerlich aber leer und unfähig zu wirklichen Empfindungen sind. So kann es Monate, ja Jahre gehen, bis wir die Leere, die durch den Verlust der Humanität entstanden ist, mit chemischen Mitteln betäuben, Drogen oder Alkohol, bis wir erkennen, daß diese Leere nie ausgefüllt werden kann. Dann jagen wir uns eine Kugel in den Kopf oder landen auf der Straße, wo wir im Treibgut der Gesellschaft untergehen. Oder wir verletzen andere, insbesondere jene, die uns zu lieben versuchen. So leisten wir unseren Beitrag zur Verbrechensstatistik oder enden in der Klapse.
Du kannst dir natürlich einreden, du seist kein Rassist, du hättest das alles um des Überlebens willen getan. Du suchst nach einer billigen Entschuldigung, daß du Leuten etwas genommen hast, das du ihnen nie zurückgeben kannst, daß du einen Teil in dir getötet hast, den du nie wieder erlangst.
Bei manchen von uns klappt's. Man hat so viel Dusel und stößt auf jemand, der unsere Empfindungsfähigkeit wiederbelebt und uns dem Leben wiedergibt. Bei vielen klappt's nicht.
Ich verspüre dieses Toben jeden Tag in meinem Leben, auch wenn man es mir nicht ansieht. Vielleicht klingt es aus meinen Worten. Ich hasse es, verarscht zu werden.
Und jetzt meine Botschaft an euch. Ihr werdet tun, was ihr tun müßt, um zu »überleben« wie immer ihr es definiert , während wir unseren Part tun, um die ganze Sache zu stoppen. Nur eins: Verzichtet nicht auf eure Humanität. Nicht, um euch anzupassen. Nicht, um euch was zu beweisen. Nicht für einen Adrenalinstoß. Nicht, um auszurasten, weil ihr wütend seid und euch was stinkt. Nicht für ein Arschloch von Karrieristen, der dabei steinalt wird. Und insbesondere nicht für das Öl- und Gas-Konsortium von Bush, Cheney & Co.
Die großen Bosse wollen weltweit die Kontrolle über die Energievorräte erlangen, um künftigen Konkurrenten die Luft abzudrehen. Nur darum geht's. Das müßt ihr verstehen, und dann tut, was ihr tun müßt, um eure Humanität zu bewahren. Das System macht euch weis, ihr wäret so eine Art Helden, aber es gebraucht euch als Killer. Sie verarschen euch.
Eure sogenannte zivile Führung betrachtet euch als ersetzbare Gebrauchsartikel. Sie scheren sich nicht um eure Alpträume, ob ihr abgereichertes Uran einatmet, ob ihr einsam seid, zweifelt, leidet oder ob ihr Stück für Stück entmenschlicht. Sie werden eure Bezüge kürzen, eure Krankheiten in Abrede stellen, eure Verwundeten und Toten vor der Öffentlichkeit verstecken. So weit sind wir schon jetzt.
Da sie sich einen Dreck darum kümmern, müßt ihr es tun. Um eure eigene Humanität zu bewahren, müßt ihr sie bei jenen erkennen, deren Land ihr gerade besetzt. Ihr müßt wissen, daß ihr wie sie gleichermaßen Opfer dieser schmierigen reichen Bastarde seid, die das Sagen haben.
Sie, die »Anzüge«, sind eure Feinde, sind Feinde des Friedens, Feinde eurer Familien, insbesondere wenn ihr schwarz, eingewandert oder einfach arm seid. Sie sind die Diebe und Schinder, die immer nur einsacken und nie austeilen. Sie tönen, sie würden im Irak »nie Reißaus nehmen«, aber ihr und ich, wir wissen genau, daß sie nie Reißaus werden nehmen müssen, weil sie gottverdammt nicht dort unten sind. Ihr aber schon.
Sie werden euch rupfen und dabei feixen, und wenn sie von euch haben, was sie wollen, dann werden sie euch wegwerfen wie ein gebrauchtes Kondom. Fragt die Veteranen, deren Bezüge man drastisch gekürzt hat. Bush, Rumsfeld und Konsorten sind Parasiten, sie sind die einzigen Nutznießer des Chaos, in dem ihr euch zurechtfinden müßt. Sie kriegen das Geld. Ihr kriegt die Prothesen, die Alpträume und die rätselhaften Krankheiten.
Wenn euer Haß also ein Ziel braucht, hier ist es: Es sind diejenigen, die die Verantwortung dafür tragen, daß ihr dort unten seid und dort unten bleibt. Ich kann euch nicht dazu raten, den Gehorsam zu verweigern. Das würde mich höchstwahrscheinlich mit dem Gesetz in Konflikt bringen. Ihr werdet diese Entscheidung fällen, wenn die Umstände und eurer Gewissen euch dies gebieten. Es ist aber völlig legal, wenn ihr gesetzeswidrige Befehle verweigert, und Befehle, Zivilisten zu mißhandeln oder anzugreifen, sind ungesetzlich. Befehle, über diese Verbrechen Stillschweigen zu bewahren, sind ebenso ungesetzlich.
Ohne Gefahr strafrechtlicher Verfolgung kann ich euch sagen, daß ihr in keiner Weise dazu verpflichtet seid, die Iraker zu hassen; daß ihr in keiner Weise dazu verpflichtet seid, euch von Rassismus, Gesetzlosigkeit und Mordlust leiten zu lassen; daß ihr in keiner Weise dazu verpflichtet seid, euch die letzten Reste eurer Fähigkeit austreiben zu lassen, die Wahrheit wahrzunehmen und sie euch und der Welt mitzuteilen. Ihr seid ihnen nicht eure Seele schuldig.
Kommt gesund und unbeschadet nach Hause. Diejenigen, die euch lieben, schon immer geliebt haben, warten hier auf euch. Und wir wollen, daß ihr uns ins Gesicht sehen könnt, wenn ihr zurückkommt. Laßt euer Selbst nicht dort im Staub verkommen wie irgendeinen Kadaver.
Bewahrt euch eure Humanität.
Stan Goff
US-Army (ret.)
Stan Goff ist Autor von »Hideous Dream: A Soldier΄s Memoir of the US Invasion of Haiti« (Soft Skull Press, 2003) und des demnächst erscheinenden Buches »Full Spectrum Disorder« (Soft Skull Press, 2003). Er ist Mitglied des BRING THEM HOME NOW! Koordinationskommitees, pensionierter »Special Forces master sergant« und Vater eines aktiven Soldaten.
E-Mail von BRING THEM HOME NOW!: bthn@mfso.org
Stan Goff kann man unter sherrynstan@igc.org erreichen.
Orginaltext von www.counterpunch.org/goff11142003.html.
Besonders gut hat uns folgender Spruch gefallen, der an so manchen Plätzen zu sehen war.
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