Bund gegen Anpassung
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Geburtenkontrolle – Arbeitszeitverkürzung – Gleichheit weltweit
12. Oktober 2023

Der WTC-Ersatz vom Gazastreifen

Aus KETZERBRIEFE 241

Als vor ein paar Wochen gemeldet wurde, die Hamas habe vom Gazastreifen aus wieder einmal mit Raketen Israel beschossen, und zwar fieserweise noch dazu in eine größere zivile Veranstaltung, dürfte der Großteil der Empfänger dieser Nachricht davon ausgegangen sein, daß hier wieder einmal eine der unzähligen Episoden aus dem israelisch-palästinensischen Dauerkrieg vorliege, und dem Vorfall zunächst keine größere Beachtung geschenkt haben.

Merkwürdig war er aber von Anfang an: es hatte zwischen den verfeindeten Parteien schon lange keine Kampfaktionen gegeben, und auch die palästinensischen Terroranschläge waren schon eine Weile wieder zur Ruhe gekommen. Wie kommt die Hamas auf einmal nach so langer Pause dazu, eine neue Provokation zu starten, und noch dazu eine so häßliche, daß man sich unwillkürlich an die routinemäßigen US-Massentötungen harmloser Zivilisten aus der Luft im Irak erinnert fühlt?

Noch weitaus merkwürdiger ist aber etwas anderes, was mangels Erinnerungsvermögens den meisten Zeitungslesern und den auf dem Weg zu ihren Mails mit der unvermeidlichen, "Nachrichten" genannten Propagandajauche bespritzten Internet-Nutzern leider so häufig wieder entfallen ist: während des langen und ungleichen NATO-Krieges gegen das unglückliche Syrien gelang es den Verteidigern des Landes vor einigen Jahren einmal, einen größeren Trupp von Eindringlingen gefangenzunehmen. Und siehe da, was stellte sich heraus? Unter diesen bewaffneten Eindringlingen befanden sich nicht nur israelische Offiziere, sondern auch Hamas-Kämpfer! (Sogar von gefangenen Saudis war die Rede, aber diese Mitteilung verlor sich rasch im Schwarzen Loch unserer Nachrichtenunterdrückung.) Ganz so abgrundtief kann die Feindschaft zwischen Hamas und Israel also nicht mehr sein... unsere Zeitungen mußten auch kurz ganz viel Geschwätz absondern, um diese Unerwartetheit wegzuklügeln, danach schwiegen sie natürlich eiligst zum peinlichen Thema... also scheinen die Frontverschiebungen verblüffende Vorgänge hinter den Kulissen widerzuspiegeln, zu denen die Gegend schon zur Zeit der Kreuzritter mancherlei Parallelen geliefert hat...

Wenn die jedenfalls zunächst fanatische Feindschaft der Hamas gegen Israel eine unerwartete Aufweichung erfahren haben sollte, die die neue Provokation, wenn sie wirklich nur durch israelisch-palästinensische Spannungen erzeugt wäre, höchst seltsam und unmotiviert erscheinen läßt, so ist die Todfeindschaft der Hamas gegen Syrien und die Hisbollah (welche dieses verteidigt) umso weniger bestreitbar und mindestens ebenso uralt bzw. von Anfang an gegeben gewesen. Um sie zu verstehen, muß man etwas weiter ausholen.

Hoffentlich erinnern sich meine Leser noch an den langen und erbitterten libanesischen Bürgerkrieg – diesmal einen echten! –, dessen Spuren man heute noch an mancherlei Ruinen in Beirut betrachten kann und der die allertraurigsten Wunden den Beständen des libanesischen Nationalmuseums geschlagen hat, das unglücklicherweise gerade an einer innerstädtischen Frontlinie besagten Krieges lag, und zwar ziemlich lange. (Auch Israel hat sich in diesen Bürgerkrieg eingemischt, ohne ihn jedoch zu prägen, und dabei einige Verwüstungen hinterlassen, aber vorwiegend im Süden des Landes, von dem tatsächlich ein paar Provokationen auf sein Gebiet vorgefallen waren, den eigentlich dringenderen innerlibanesischen Auseinandersetzungen zum Trotz.) Dieser Bürgerkrieg war zwischen den Religionsfraktionen des Landes ausgetragen worden (womit sich jemand, der nichts von Marx gelernt hat, zufriedengeben könnte), und diese – welche alle zuvor unter irgendwelchen Etiketten ihre eigenen Milizen aufgebaut hatten, neben denen die reguläre Armee allmählich verblaßte – waren erstaunlich zahlreich, je nach Zählung bis zu dreizehn oder sogar mehr.

Der Libanon – das Land ist nach seinem Hauptgebirge benannt, dessen Zedern schon zu Gilgameschs Zeit berühmt und begehrt waren, seine Flagge zieren und in dem Gebirge selbst so gut wie nicht mehr zu finden sind – ist und war bis vor kurzer Zeit, eben bis dicht vor dem Bürgerkrieg, ein mehrheitlich christliches Land. Dann aber gewannen die Moslems die Mehrheit, doch kaum aufgrund gewaltsamer Verluste, die sie den Christen zugefügt hatten (obwohl auch dies vor Erlangung der libanesischen Unabhängigkeit widerlicherweise vorgekommen ist), sondern aufgrund tatsächlich eherner Gesetze der Soziologie, die schon den Römern auffielen und in ihrer Sprache das Wort proletarius (salopp übersetzt: "Karnickler") hervorbrachten.

Denn die Christen, seit byzantinischer Zeit zwangsweise die Religion der Einheimischen, lagen und liegen an Ort und Stelle immer noch im Durchschnitt ihres Besitzes und Einkommens über den Moslems. Da es ihnen somit durchschnittlich besser geht, ist ihre Nachkommenschaft entsprechend geringer. Solange der Stand der Produktivkräfte und folglich der Hygiene niedrig war, konnte die höhere Kindersterblichkeit der Leute mit schlechterer Lebensqualität dieses Ungleichgewicht der Religionen, hinter denen unterschiedliche soziale Strata steckten, diese Differenz ungefähr ausgleichen; seit es Antibiotika gibt, natürlich nicht mehr, und seither gelten die Gesetze der Zinsrechnung. Dabei sind alle Religionen und Konfessionen des Landes bzw. deren Anhänger im Durchschnitt eifrig bemüht, dieses erbarmungslos zuzuknallen, weniger mit Brandbomben als mit der Uterusbombe. Nach einer Statistik aus dem letzten Drittel des verflossenen Jahrhunderts hatten die Frauen sogar der wohlhabendsten christlichen Fraktion über drei Kinder, die der ärmsten islamischen sogar über sieben. Das zerstört nicht nur die Natur...

Die statistisch bestgestellte christliche Fraktion ist am Ort diejenige der "Maroniten", d.h. der von der römischen Kirche aufgekauften und dadurch annektierten, aber in ihren angestammten Riten unbelästigten Orthodoxen; die bestgestellte moslemische Fraktion, mit einer noch etwas höheren Geburtenrate und Basis der Hamas, ist die sunnitische. Dazu kommen unter den Christen die übrigen Orthodoxen, wie wir sie verstehen (also gemäßigte Dyophysiten wie Katholiken und Protestanten auch), sowie die sich selber so nennende monophysitische Syrisch-Orthodoxe Kirche und die "extrem dyophysitischen" sogenannten Nestorianer; trotz ihrer dogmatischen Differenz verstehen sich die beiden letztgenannten (und relativ ärmsten) christlichen Konfessionen im Alltag am allerbesten (und, wie man sehen wird, nicht ohne historischen Grund). Auf islamischer Seite folgen als ursprünglich armes Landvolk den Sunniten die ihrerseits untergliederten Schiiten; aus ihnen rekrutierte sich die Hisbollah. Als dritte Religion des Landes kommen etwa in der unteren Mitte des Besitzes etc. und folglich der oberen der Geburtenrate die Drusen dazu, welche aufgrund der von den Kalifen erlittenen Verfolgungen – in einem bestimmten Teil des Berglandes fanden sie im Mittelalter Zuflucht, was ein paar Rückschlüsse auf die frühere, idyllische Besiedlungsdichte zuläßt – den Christen gefühlsmäßig (aber nicht dogmatisch) näher stehen als den Moslems; in Israel sind sie die treuesten Verbündeten der jüdischen Mehrheit, da diese sie vom islamischen Druck erlöst hat; in Syrien stehen sie natürlich auf der Seite der legitimen Regierung, ihres einzigen Schutzes vor NATO-islamischem Massenterror. Die Juden selbst sind seit Gründung Israels in Syrien zahlenmäßig ganz unbedeutend geworden, werden aber, soweit syrische Staatsbürger, von allen Assad-Regierungen tadellos behandelt. Und auch das hat einen tieferen Grund, einen tieferen sogar, als Vater und Sohn Assad zugeben oder auch nur sich eingestehen durften.

Wegen des prekären Gleichgewichts der nun einmal wie immer, solange sie noch als solche eine Rolle spielen, verfeindeten Religionen Libanons hat dieses Land eine ausgeklügelte Verfassung, welche die höchsten Ämter desselben nach Religionsproporz verteilt – eine unglückliche Lösung, wie sich zeigen sollte! Denn aufgrund des seit Jahrtausenden bekannten obengenannten soziologischen Gesetzes verschob sich dieser Proporz, seit die medizinische Versorgung auch der Armen einigermaßen effizient geworden war, und alle Konfessionen – wie auch andernorts, das hat unserem Planeten schon das Erdöl flott ausgesogen und Tier- wie Pflanzenreich irreversibel ruiniert und macht alle Menschen außer ein paar Superparasiten immer ärmer und reglementierter – sahen nicht ein, daß, wer "Antibiotika" sagt, auch "Antibabypille" sagen muß. Folglich wollten die proportional gewachsenen Moslems des Libanons den verfassungsmäßigen Proporz den neuen Verhältnissen angeglichen haben, die Christen nicht, und so nahm der Bürgerkrieg seinen Lauf, den die konfessionelle Vielfalt des Landes weiter komplizierte.

Es ist nun nicht ohne Interesse, wie diese zustandekam. Natürlich wird sie durch die starke orographische Vielfalt des Landes begünstigt, aber selbige ist nicht die treibende Kraft gewesen. Diese war am Anfang, d.h. in Spätantike und Frühmittelalter, der Vampirismus der Hauptstadt Byzanz gegenüber den Außenprovinzen ihres Reiches gewesen, nämlich Syrien (zu dem der Libanon gehörte) und Ägypten. Diese wurden gnadenlos ausgepreßt, um die Loyalität der steuerfrei gehaltenen und dadurch zahlenmäßig ungeheuer anschwellenden Hauptstadtbewohner zu erhalten, was die Loyalität der leidenden Peripherie nicht eben stärken konnte.

Was tut man im christlichen Totalitarismus, wenn man dem Kaiser wirkungsvoll den Gehorsam aufkündigen bzw. besagten Kaiser wirksam diskreditieren will? Man erklärt ihn und seine Anhänger bzw. Bischöfe zu Ketzern, braucht dann aber, damit das einheitlich klingt, Führer unter den örtlichen Bischöfen, was nur gelingt, wenn die allgemeine Erbitterung flächendeckend und intensiv genug ist. Das war sie; und nun war nichts leichter zur Vereinheitlichung der Opposition, als den jeweils letzten dogmatischen Schwenk nicht mitzumachen, d.h. dem Beschluß des jeweils letzten Konzils (das ja vom Kaiser abhing), die Anerkennung zu verweigern. Das war im Falle Syriens das von Ephesus, Ägyptens das von Chalkedon.

Um es kurz zu machen: die "Nestorianer", welche die Anerkennung der Dogmen von Ephesus verweigerten, hatten als Pioniere peripheren Widerstands die härteste Verfolgung zu erdulden; viele flohen, und ihr widerstandswilligster Kern, dessen Mitglieder zugleich am wenigsten zu verlieren hatten, entstammte folglich meist den am übelsten behandelten Schichten, und das war damals die arme Bauernschaft. Analoges gilt für die zweite, anti-chalkedonische (= mono- oder miaphysitische) Verweigerungswelle, deren Schwerpunkt in Ägypten lag, die aber auch auf Syrien ausstrahlte. (Ohne beide wäre die arabische Eroberung des südlichen Mittelmeers und Nahen Ostens wohl nicht möglich gewesen.) So entstand neben der koptischen Kirche die "orthodoxe" (aber anti-chalkedonische) syrische Nationalkirche (die also nicht anti-ephesisch ist, aber der auch anti-ephesischen von der verborgenen Motivation her gleich); die relative Verstädterung des Libanon (nämlich vor allem an dessen Küste) erklärt den relativ hohen Anteil der dortigen Christen an dem, was wir "orthodox" nennen (nämlich zugleich pro-ephesisch wie pro-chalkedonisch; damals hieß dieser Teil vor Ort "melkitisch" [von arab. malek "König"], d.h. "kaisertreu"), soweit es sich um Christen vor der "katholischen", d.h. römischen Abspaltung von 1054 handelt. (Ich kann nichts dafür, wenn die Geschichte kompliziert ist, und habe sie schon auf das Wesentliche zusammengestrichen.) Die dadurch entstandene soziale Zuordnung der Konfessionen hat sich in der Tendenz zäh bis heute erhalten.

Aber sie wurde von der arabischen Eroberung (die sehr leicht fiel, da der syrische Teil des byzantinischen Heeres noch auf dem Schlachtfeld zu den Arabern überging und daher hinterher in seiner Religionsausübung und mit Sondersteuern zunächst kaum belastet wurde – geringer als unter den byzantinischen Kaisern war beides allemal) noch einmal überlagert. Sobald sich im Laufe der Zeit herausstellte, daß mit einer byzantinischen Rückeroberung nicht mehr zu rechnen war bzw. die unter arabische Oberhoheit geratenen "Eroberten" nicht mehr zurückkonnten (das geschah etwa mit dem Dynastiewechsel im östlichen Kalifat, der auch damit zusammenhängt, von Omayaden zu Abbasiden), begannen diese Belastungen doch zu wachsen, und damit wuchs auch die Menge der christlichen Konversionen zum Islam. Aber für die Araber bzw. Moslems wuchsen sie auch, zumindest die weltlich-geldlichen; bloße Eroberer konnten sie jetzt nicht mehr sein, diese schönen Zeiten waren vorbei. Schließlich erreichte die Aussaugung des Volkes, diesmal auch, zumindest zunehmend, des städtischen, fast wieder byzantinisches Niveau, und deshalb bildete sich in jenem, anknüpfend an den Dynastiewechsel, aber diesen religiös aufdonnernd – denn das bot sich für besagten Zweck sehr an – eine neue innerislamische Opposition in den bedrängten Schichten, die mit besagtem zeitgemäßen Mittel die Legitimität ihrer Kalifen, später Sultane bestritt und deshalb dramatische Vorfälle in der Geschichte dieser Machtkämpfe in die metaphysische und mythologische Sphäre zerrte – die Schiiten also. Selbstverständlich bekamen sie dafür den Zorn ihrer Ausbeuter und Machthaber zu spüren, blieben aber häufig widerspenstig und steigerten ihre Selbstbehauptung gegen die gierige Zentralgewalt, wenn diese grausam wurde, symmetrisch bis zum Fanatismus, der aufgrund des Kontextes wieder religiöse Färbung haben mußte. Das geschah in mehreren Wellen, und relative Stillwasserzonen wurden dabei von den Verfolgten natürlich geschätzt – der Nordlibanon war damals eine solche, und das trug zur dortigen Schiitenkonzentration bei.

Nun bildeten sich im Laufe der Geschichte aber da und dort auch schiitische Kalifate oder Herrschaften, und dann wurden bei gleicher Entwicklung, die selten auf sich warten ließ, wieder neue religiöse Einkleidungen des (vorwiegend bäuerlichen) Widerstands nötig, im Iran mit seiner mittlerweile schiitischen Herrschaft der Bahaïsmus, am nördlichen Rande des fatimidischen (und insofern auch schiitischen) Kalifenreiches, d.h. in Syrien, eine neue Abspaltung des Schiitentums, jener Zweig des Alewitentums, der nach dem Namen seines Gründers "Nussairier" genannt wird (und in dem der von allen Schiiten als eine Art Superprophet und zugleich Erzmärtyrer – das legt die Schiene zu Jesus – verehrte Ali zu echter Gottähnlichkeit aufgerückt ist und auch noch, ein Wink mit dem Zaunpfahl, am gleichen Tag des Jahres wie Jesus geboren worden sein soll). Nicht nur die Familie Assad gehört dieser Konfession an, sondern auch der wichtigste Teil der syrischen Beamtenhierarchie – aber nur etwa 3% der Syrer. Das ergibt eine unglückliche Basis.

Der Leser erstaunlich gleichgültiger Rasse und Geschlechts wird bemerkt haben, daß der Anteil der Glaubenslast und damit Irrationalität bei den vorwiegend bäuerlichen Widerstandsbewegungen gegenüber der Ausgangsreligion, wie irrational auch immer diese schon sei, entweder zugenommen hat oder wenigstens das Interesse an groben Irrationalitäten der Ausgangsreligion wie z.B. Einzelheiten der metaphysischen Anatomie Jesu schier krankhaft gesteigert hat. Er könnte daher in den Trugschluß verfallen, diese Irrationalität gehöre zur Substanz der notgedrungen, weil zeitbedingt bzw. umstände- und gewaltbedingt religiöse Form annehmenden Widerstandsbewegungen. Doch diese Beobachtung gilt entweder nur formal oder nur für die ersten Generationen dieser Bewegungen, solange sie die Gewalt gegen sich haben. (Erlangen sie sie dagegen und erreichen ihr heimliches soziales Ziel nicht bzw. verlieren es schon auf dem Weg zur Macht, hebt das ganze Spiel von vorne an, was hier aber nicht interessiert, da das in Syrien und Libanon nie eintrat.) Hat sich dagegen das Verhältnis zwischen Bedrückten und Bedrückern nach einer Weile stabilisiert, so können wir regelmäßig die genau entgegengesetzte Beobachtung machen: unbeschadet der erweiterten Irrationalität des Inhalts ihrer Konfession, an den zu glauben sie vorgeben oder sich sogar zu glauben einreden, werden die Mitglieder diskriminierter, weil zur bestehenden Macht offen oder latent oppositioneller Religionen immer rationaler und gutartiger, zumindest, wenn die erlittene Diskriminierung nicht völlig extrem ist und dann nur noch die Option des Fanatismus übrigläßt. So werden die Mitglieder dieser zurückgesetzten (oder sogar richtig geschurigelten) Gemeinschaften mit der Zeit die – relativ oder absolut – besten Träger von Vernunft und Menschlichkeit in ihren Ländern, die Alewiten in der Türkei (man denke etwa an Aziz Nesin), die Bahaï (und Zoroastrier) in Persien, und eben die Nussairier in Syrien – denken wir der Fairneß halber auch an die Juden der christlichen Länder, die nach dem Ende ihrer kontinuierlichen fast grenzenlosen Schikanierung im calvinistischen Holland einen Spinoza, nach deren Ende im Rest Westeuropas Marx, Freud und in Fernwirkung Trotzki hervorbrachten und sich Hitlers und dessen Geistesverwandter Haß gerade durch ihre durchschnittlich dem Rest überlegene und dadurch ideologiestörende intellektuelle und moralische Urteilskraft zuzogen, oder an die zwar schon lange weder ermordeten noch gepiesackten, aber sehr isolierten Parsen Bombays, deren erdrückende Mehrheit heute verläßlich ungläubig ist. Für ein Syrien ohne religiöse Scheußlichkeiten, wie sie die US-gepäppelte ISIS endlich nachholen durfte, sind geborene Nussairier als Führer nun einmal durchschnittlich am besten – man denke z.B. daran, wie Assad sen. sein Land zum größten Ärger der USA gerade noch mit Geschick und Festigkeit vor dem finstersten, grenzenlosesten und blutigsten Religionsterror bewahrt hat. Er konnte das trotz seiner Minderheitsherkunft, weil er seine sozialen Versprechen im wesentlichen einhielt – Syrien gehört zu den wenigen Ländern, in denen ich weder Slums noch einen einzigen Bettler gesehen habe, auch nicht in den größten Städten, und ich war in fast allen Ländern der Welt. Da kann man sich auch Toleranz und Terrorzügelung gestatten, so tief die Mullahs die entsprechend üblen Neigungen auch in vielen Hirnen verankern und des Menschen schlechteste Eigenschaft, die Projektionsneigung, dafür nutzen konnten; was Projektion im Sinne der Psychoanalyse ist, und wie übel sie ist, da jede Projektion das ganze Auschwitzpotential enthält, egal ob sie gegen "Hexen", Juden, Russen oder inzwischen auch angebliche "Rechte" gerichtet ist, ist dem verständigen Leser der Originalfassung von Reichs "Massenpsychologie des Faschismus" bekannt und muß hier nur in Erinnerung gerufen, aber nicht erläutert werden. – Diese relative Schonzone vor dem religiösen Wüten haben die NATO-Alumnen der ISIS zerstört, unsere Presse hetzt gegen besagte Schutzzone, und nur die Hisbollah verteidigt sie von ihrem kleinen nordlibanesischen Gebiet aus, während die Bundeswehr, zu deren Schiffskommandanten der machtarme libanesische Präsident immer wieder katzbuckelnd antanzt (z.B. als ich in Beirut war), um dort seinen Diener zu machen, unsere Steuergelder nutzt, um besagte Hisbollah von ihrem Waffennachschub abzuschneiden, d.h. die Waffen für den lange Zeit einzigen äußeren Schutz so vieler Syrer vor den von außen eingeschleusten religiösen Vergewaltigern und Halsabschneidern ("Rebellen"). Da bleibt, welcher Haß in ihr zu Recht oder Unrecht auf Israel bestehen mag, der Hisbollah wenig Energie übrig für Angriffe auf dieses.

Ich will die Hisbollah nicht idealisieren, sie enthält ohne Zweifel üble religiöse und, da ihre die Religion der 4. Sure ist, auch antisemitische Bestandteile. Aber ihre Lage zwingt sie, besser zu sein als sie sein möchte. Ich jedenfalls habe mich – es mag Zufall im Spiel sein – an keiner Ecke der islamischen Welt (deren Hardcore-Teile ich sowieso stets strikt gemieden habe) so wohl und sicher gefühlt wie im Hisbollah-Teil des Libanon, und ich glaube, die von Fanatismus, den ich sogar im Lande Atatürks bisweilen beobachten konnte, stets freie Haltung, die mir seine bedrängten Bewohner entgegenbrachten (einmal war sogar Gefechtslärm zu hören, die Grenze war nahe), war aufrichtig. (Natürlich kann ich nicht ausschließen, daß spätere Beobachtungen diesen Eindruck Lügen strafen, aber so war es jedenfalls – und man hatte mich noch auf dem Flug nach Beirut eindringlich vor diesem Landstrich gewarnt!)

Aber wieder zurück vom Subjektiven zum Objektiven. Der heftige Haß der Hamas gegen die Hisbollah (der sich indirekt auch zahlreichen Wandschmierereien an den Wänden der Häuser Beiruts entnehmen ließ, ebenso gegen Assad) dürfte gerade in diesem Aspekt der Hisbollah seinen Grund finden und den erst recht unrein motivierten Haß gegen Israel überdecken. (Das heißt nicht, daß er bei veränderter Kräftekonstellation nicht reaktiviert würde.) Aber Israel ist, solange es von der herrschenden Klasse der USA gebraucht bzw. benutzt werden kann, unverwundbar; das imponiert autoritätshörigen Charakteren wie den Erz-Moslems der Hamas, so erz-antisemitisch sie ist ("Hamas, Hamas, Juden in das Gas!", lautete ihr Slogan auf etlichen Demonstrationen, dessen restlose Straflosigkeit bei dichtem Schweigen der sonst so aufgeregten Einheitspresse nur jemanden wundern kann, der der fdGO die Lügen aus der Hand oder, da sie so sehr stinken, sozusagen ekellos aus dem Arsch frißt), nun eben doch. (Meine örtliche Einheitszeitung, die BZ, ließ einmal durchblicken, Kader des ISIS seien nach etlichen Folterungen dem US-KZ von Guantánamo entnommen worden; da nun der ISIS ausschließlich gegen Völker und Regierungen gewütet hat – und ohne das heroïsche Trump-Intermezzo wohl weiterwüten würde –, welche die Regierung ihrer eigenen Folterer verleumden und für vogelfrei erklären läßt, würde das bedeuten, daß autoritätshörige statt zur Wahrheit und Leistung verpflichtete Menschen, wie das echte Moslems – schon der selbstgewählte Name ihrer Religion verkündet dieses Programm – ja sein müssen, offensichtlich bereit sind, auch in den Dienst ihrer Feinde zu treten, und zwar begeistert, wenn diese sie nur sadistisch genug verdroschen haben. Insofern ist eine vorübergehende Allianz Hamas/Israel im Dienste der USA – Israels, weil es muß, der Hamas aus dem genannten Grund – gar nicht so unvorstellbar, wie es oberflächlich scheint, und außerdem ist sie ja durch obige glückliche Gefangennahme eines Eindringlingstrupps belegt. Die Hamas nimmt den Juden das übel, was ihnen alle Antisemiten übel nehmen, weil sie es selber nie aufgebracht haben: die Würde in der Schwäche, und das wird sich bei autoritätshörigen statt der – wie schwierig auch immer ermittelbaren – Wahrheit verpflichteten Menschen nie ändern; aber Syrien und in der Folge der Hisbollah nimmt sie deren religiöse Toleranz und damit aufklärungsaffine Position übel, und das ist als eine Art Verrat aus den eigenen Reihen (denn von der Religion abgenabelt haben sich syrische Mehrheit wie Hisbollah auch nicht) gewissermaßen noch schlimmer, besonders, wenn die mit der Aufklärung und damit Wahrheit (deren Gegensatz nicht der Irrtum ist, sondern die Lüge, besonders die gewaltgestützte Lüge) noch so schwächlich sympathisierende Seite, die von der eigenen, also gediegen islamischen damit abfiel, auch noch schwach ist bzw. schwach geworden ist wie alle nicht restlos stinkigen arabischen Staaten nach der Zerstörung ihrer sowjetischen Stütze, die ihnen jede Halbheit erlaubte, welche sich nun aber rächt.

Denn auch Syriens Tendenz zur Aufklärung war nur eine halbe Sache, und dafür wird nun die Rechnung präsentiert. Obwohl das ohne ernste Probleme zwischen beiden Teilen gegangen wäre, hätte Syrien jederzeit und vor allem rechtzeitig einen vorteilhaften Frieden mit Israel schließen können (auch wenn die US-Regierungen diesen extrem ungern gesehen hätten); dazu hätten sie aber das islamische Lager, das solche scheußlichen Eiterbeulen und Stinkestaaten wie Saudi-Arabien einschließt, verlassen müssen, dessen einzige Klammer seit der Gründung Israels gar nicht die Lehre Mohameds im engeren Sinne, sondern nur dessen Antisemitismus (im geläufigen, an sich absurden Sinne des Wortes) ist. Es hätte gegen alle dann natürlich ausbrechenden inneren Widerstände mit Festigkeit erklären müssen, daß die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz (natürlich nicht nur der Juden, sondern bei Bedarf auch der Scientologen, Zeugen Jehovas usw.), d.h. die religiöse Toleranz, über jeder Religion steht und auch ein Staat, der diesen Grundsatz festhält, in jedem Fall, solange dieser jenen selber befolgt, Israel näher steht als Saudi-Arabien u.ä., mit denen er nichts gemein hat und sich nicht durch welche Verbindung mit diesem auch immer beschmutzt. (Das hätte übrigens auch Israel in die Pflicht genommen, das auch kein lupenreines Vorbild für die Völker der Welt abgibt!) Natürlich hätte dieser Kurs innere Kämpfe ausgelöst, die zu bestehen gewesen wären (nämlich mit Hilfe des christlichen Fünftels und dem aufgeklärtesten Drittel der in den Islam hineingeborenen eigenen Bevölkerung, was früh genug nach dem Weltkrieg in einer hoffnungsvolleren Menschheit sehr viel aussichtsreicher gewesen wäre als in den trüben späteren Zeiten) – aber hätte das Ergebnis nicht auch im schlimmsten Fall (noch konnten sich ja, anders als gegen den beispielhaften Taraki auf viel ärger von innen bedrängtem Posten, die USA nicht paramilitärisch einmischen, so wenig wie z.B. in Süd-Jemen) nicht schlimmer aussehen können als das seitherige, aber dafür im Erfolgsfall regelrecht strahlend und zu Hoffnungen für die ganze Welt berechtigend? Halbe Sachen gehen nie gut aus, und eine viertelste Aufklärung schon gar nicht...

Daß die Hamas als Kraft der Finsternis mit anderen Kräften der Finsternis, jetzt also den USA, gemeinsame Sache macht, ist nur natürlich. Mit Israel wird sie das nur so lange tun, wie es als US-Werkzeug fungiert, z.B. gegen Syrien. Und so schoß sie in möglichst häßlicher Weise ihre Raketen nach gemeinsamem Plan aus dem Gazastreifen, um den USA die Sprengung eines zweiten WTC zu ersparen – ein solches nützt sich ab, und schon das erste war sehr verdächtig. (Es fiel z.B. genau nach dem Ingenieuren der einschlägigen Sparte wohlbekannten "Tortenmuster" zusammen, mit dem Hochhäuser in dicht bebauten Gebieten von innen gesprengt werden, um Abrißkosten zu sparen, und nicht wie ein von einem Flugzeug getroffenes Hochhaus; auch sonst war sehr viel faul.) Während sonst die USA sich in die nicht eben seltenen israelisch-palästinensischen Duelle niemals einmischten, am wenigsten direkt, soll dagegen der jetzige Raketenabschuß der abenteuerliche Vorwand für die militärische Endlösung der Iran-Frage sein: die abgefeuerten Raketen sollen nämlich von dort stammen, genauso, wie die m.o.w. echten islamischen Knallköpfe bzw. van der Lubbes, die mit ihrem Leihflugzeug die Kulisse für die WTC-Sprengung abgaben (wahrscheinlich auf US-Wunsch von Saudi-Arabien gesteuert, dafür spricht die Nationalität des sagenhaften bin Laden), irgendwie mit Afghanistan verbunden gewesen sein sollten, weswegen jenes zu zerstören und zu besetzen sei, allerdings nur, um nebenbei auch noch den Irak zu liquidieren, der damit zwar nun rein gar nichts zu tun hatte, aber in den trägen Köpfen der dummen Mehrheit damit über religiöse wie geographische Schienen assoziativ vermanscht werden konnte (was gerade recht empörten US-Leserbriefschreibern kurz vor dem Angriff sehr zu Recht auch auffiel, aber gegen die mehrheitlichen Orwellschafe nichts bewirken konnte). Und nach analogem Vorwand soll nun auch das – häßliche, aber klein-bürgerliche statt monarchische und dadurch nicht restlos stinkende – persische Mullahregime zügig endgelöst werden, nachdem es seine restrussische Stütze auf ähnlichem Wege verloren hat.

Für diesen widerlichen Plan wurde die Hamas benötigt, und sie machte mit. Was verspricht sie sich davon? – Ein Stück Israel oder noch mehr, auf jeden Fall wieder ein Stückchen Endlösung der Judenfrage. Denn der einzige aufrichtige US-amerikanische Freund mit Macht, den Israel jemals hatte, war Trump, und er bot beiden Seiten den erträglichsten Frieden an, der in dieser Weltecke zu haben ist; aber die Palästinenser welcher Partei auch immer nahmen ihn nicht an, da sie wohl wußten, welch schreckliche, jugoslawienähnliche Rache ihnen drohte, wenn sie es täten (der einzige israelische Fast-Staatschef, der ähnliches vorhatte, Rabin, starb ja auch, kurz bevor er gewählt werden konnte, durch ein recht mysteriöses Attentat), sobald Trump sie nicht mehr schützen könnte – und israelische Heißsporne zum Vollzug dieser Rache wären nicht schwer aufzutreiben gewesen.

Wird Israel für sie überflüssig, was nach Rest-Rußlands Vernichtung schnell eintreten kann, dann können sich die USA sogar als (faktisch antisemitische) Wohltäter der arabisch-islamischen Welt aufspielen – "unsere", d.h. ihre Medien werden mit "Erklärungen" und Beifall am allerwenigsten sparen, wir kennen das ja zur Genüge z.B. von AIDS, dessen flächendeckende bzw. routinemäßige Testung "faschistisch" sein sollte, die des dagegen lächerlich harmlosen Corona auch im drückendsten und absurdesten Ausmaß dagegen ganz und gar nicht – anything goes. Und so könnte es mit der Vernichtung Israels auch werden, die iranische Endlösung einer weiteren Endlösung vorangehen – wer weiß?!

Einfach nüchtern abwarten statt vorher urteilen – als ich nach der Besetzung Grenadas das Ende des Ostblocks "in drei bis fünf Jahren" vorhersagte, wollte das auch keiner glauben (im Pentagon gewiß, aber da kam ich ja einerseits nicht rein, und andererseits brauchte man mich dort dafür nicht). Einfluß nehmen läßt sich jetzt, wo seit Hitler jede ernstzunehmende Selbstorganisation der Besitzlosen zerschlagen ist und diese gläubiger und demoralisierter sind als die durchschnittlichen Leibeigenen des finstersten Mittelalters, sowieso nicht. Erst langsam, sehr langsam wie in den zähen Jahrhunderten bis zu Reformation und Neuzeit, muß das Volk gegen die noch ungewohnten Medien, die die alten Kanzeln abgelöst haben, wieder zu Besinnung und eigenen Wortführern kommen.

Fritz Erik Hoevels

P.S. Nach neueren Meldungen scheint die offenbar eingefädelte Geschichte noch übler, das Zusammenspiel zwischen Hamas und israelischer Regierung, um den armen USA die Inszenierung eines zweiten WTC-Attentats im eigenen Land zu ersparen, noch enger zu sein, als sich das auch die kühnste Phantasie Außenstehender ausmalen konnte. Denn wenn die immerhin militärerfahrene israelische Bloggerin Efrat Fenigson mitteilt, daß die entscheidende Hamas-Truppe mit allen ihren Waffen die heißeste Grenze der Welt unbeachtet und unbelästigt überschreiten und sogar ca. 40 km weit in Feindesland eindringen konnte, um dort ein möglichst abstoßendes Massenattentat durchführen zu können, dann ist es extrem schwer, zu einem anderen Schluß zu kommen als den naheliegendsten – denn Israel ist von den USA bzw. ihrer mehr faktischen als formalen Regierung mindestens so hilflos abhängig wie die saudische oder die deutsche und hat daher auch bei den allerübelsten imperialistischen Schweinereien wie der Verminung der Häfen Nicaraguas, das ihm niemals das geringste zuleide getan hat, ohne merkbaren Widerstand mitgemacht.

13.10.2023

P.S.S. Eine eigenartige Ergänzung hierzu liefert das Internet-Nachrichtenmagazin TKP.at vom 13.10.23. Der "Starjournalist" Seymour Hersh will dort herausgefunden haben, daß der israelische Ministerpräsident Netanjahu nicht nur jahrelang alles getan hat, um der mit Recht übelbeleumdeten Hamas gegenüber der angeseheneren PLO zu mehr praktischer Bedeutung und innerpalästinensischem Ansehen zu verhelfen und ihr sogar mancherlei saftige Finanzierung zuzuschanzen, sondern auch in dem kritischen Zeitraum alle israelischen Grenztruppen vom Gazastreifen, also der heißesten Grenze der Welt, abgezogen zu haben, um eine drittrangige Provokation illegaler israelischer Siedler auf der Westbank vor militanten Störungen zu schützen: – Hier drängt sich die Frage auf: welche Armee der Welt gehorcht so einem Wahnsinnsbefehl? Und hätte die nicht ganz kleine israelische Armee für den angeblichen Zweck nicht andernorts noch ein paar Hundertschaften (mehr waren überflüssig) übrig gehabt? – Logischer ist doch, daß sich in Israel das seltsame Verschwinden der eigenen Grenztruppen an der wichtigsten Stelle herumgesprochen hat (s.o.), was nicht mehr zu vertuschen war, ganz so, wie nach einer Woche die verzweifelten Bemühungen unserer Presse aufgegeben werden mußten, die Kölner Silvesternacht zu verschweigen, da dies das kleinere Übel gegenüber einem um sich greifenden Verständnis der Funktion der vereinheitlichten Lügenpresse geworden war, und jetzt relativ harmlos mit der Marotte einer Einzelperson motiviert werden soll, und wer das nachbetet, selbige Einzelperson gar insiderisch "Bibi" nennt, sich schrecklich klug fühlen soll.

 

Nachtrag Februar 2024
Siehe auch den Artikel "Vom KETZERBRIEF zum STERN" in KETZERBRIEFE 242/243 (Ausgabe Februar/März 2024):

Ketzerbriefe 242 243

 

Interessierten empfehlen wir die KETZERBRIEFE Sonderausgabe 23 zum Golfkrieg (Ausgabe März 1991):

Juli 2023

Zur Neugestaltung unserer Website im Juli 2023

Seit kurzem präsentiert sich unsere Website in neuer Gestaltung: Wir haben ihr Layout aufgefrischt, uns um eine bessere Anordnung der Beiträge bemüht und unsere Übersichtsrubrik »Themen« aktualisiert. Nach wie vor bietet unsere Website mit über 200 Texten, davon mehr als 100 unserer möglichst bundesweit verteilten Flugblätter, und etlichen Video- und Bildbeiträgen dem Interessierten die Möglichkeit, sich aus erster Hand ein unverfälschtes Bild von den Zielen, Ansichten und Analysen unserer Organisation zu bilden. Anders als die Websites so vieler gefälschter »Oppositions«parteien von »dieBasis« bis zu »Die Linke« ist in die unsrige kein Cent aus »N«GO-Kanälen, also dem Soros- oder Gates-Stiftungsimperium, oder Steuergeldern geflossen, sondern sie ist unter nicht geringen Opfern ausschließlich mit eigenen Mitteln erstellt.

Vielleicht noch ein grundsätzliches Wort zum Internet: Kein Medium ist leichter zu überwachen und zu zensieren als dieses, und was darin mit einer potenten mißliebigen Gegenstimme geschieht, hat, unter unzähligen anderen Beispielen, das totalitäre Verbot von RT und Sputnik gezeigt. Das Internet ist gewiß immens informations-, aber nicht minder propagandahaltig, in ihm gilt außerdem immer »Feind liest mit!«, und es wirkt sich zerebral noch weitaus aggressiver aus als die schon genügend gehirnzermanschende Glotze. Darum empfehlen wir das klassische Buch, vorzugsweise ältere Bücher, und besonders natürlich unsere eigenen Schriften. Ansonsten ist am besten, man unterhält sich einfach mal direkt mit sprachlicher Disziplin, am allerbesten ohne Feindsender in der Hosentasche – wer uns sucht, wird uns finden.

30. Juni 2023

Was ist in Rußland los?

Bei allen Schwierigkeiten bis zur schieren Unmöglichkeit, an zuverlässige Informationen zu kommen – wir haben keine Beobachter "vor Ort", auch verfügen wir über keine Geheim­dienste oder Spionagesatelliten –, steht eine Sache fest: Der Konflikt zwischen Präsident Putin und seinem Prätorianer-Chef Prigoschin, der am Samstag, den 24. Juni 2023, militärisch eska­lierte und in einen Bürgerkrieg zu münden drohte, war das erste konvulsivische Aufzucken im russischen Todeskampf, den wir seit längerem diagnostizierten. Die Unwägbarkeiten im Detail, die kaum "belastbare" Aussagen zulassen, sondern nur einen bestimmten Grad an Wahrscheinlichkeit beanspruchen können, rühren daher, daß beide Seiten nicht die Wahrheit sagen – aus unterschiedlichen Motiven, in unterschiedlicher Tonart und Lautstärke: der Westblock knallig-verlogen und kriegsgeil wie immer, denn seine medialen Kanonaden dienen ausschließlich der psychologischen Kriegführung "nach innen" wie "nach außen"; Rußland dagegen betulich-beschwichtigend, Stärke vorgaukelnd, wo keine ist, Konsequenz und Entschlußkraft mimend, wo Schwanken und Ratlosigkeit vorherrschen. Ein asymme­trisches Scheißspiel wie im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges also, nur daß jetzt statt der Endlösung der Sowjetfrage jene der Rußlandfrage ansteht. Aber der Reihe nach.

Der nunmehr seit über einem Jahr geführte, durch den faschistischen Maidan-Putsch 2014 eingefädelte Krieg der NATO gegen Rußland, bei dem alle Waffengattungen unterhalb der atomaren Schwelle zum Einsatz kommen, erhöht den Druck im russischen Dampfkessel. Er ist, wie gegen Jugoslawien in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, als Abnützungskrieg konzipiert – man müsse Rußland "eine blutige Westgrenze" verschaffen, hieß es –, um es zu zermürben und dann in seine Einzelteile zu zerlegen, wie es der Drei-Sterne-General Ben Hodges, ehemaliger Kommandeur der US-Truppen in Europa, Ende 2022 formulierte: " ... ich glaube, wir erleben den Anfang vom Ende der Russischen Föderation in ihrer jetzigen Form. Ich glaube, daß das Potential für den Zerfall des Staates immer stärker wird." Und weiter: "Es liegt in unserem Interesse", so der US-General, "wenn es zum Zusammenbruch oder, sagen wir, zur Balkanisierung Rußlands kommt, darüber nachzudenken, was mit seinen Atomwaffen, seiner Energieinfrastruktur, seinen Flüchtlingen, seinen Billionen von Dollar auf Bankkonten und Immobilien in der ganzen Welt geschehen wird. Was mit all dem tun?" Der Mann denkt also weiter und zerlegt schon mal vorsorglich das Fell des Bären, bevor dieser endgültig zur Strecke gebracht ist. Die West-Propaganda spricht in diesem Zusammenhang auch von der "Dekolonialisierung" Rußlands und suggeriert damit, wie zu Zeiten des Kalten Kriegs, die Vorstellung vom "Völkergefängnis" Sowjetunion, aus dem man 1989/91 vierzehn Unionsstaaten mit 137 Millionen Einwohnern herausgebrochen hat. Der NATO- und Kirchenknecht Lech Walesa forderte folgerichtig gegenüber einem französischen TV-Sender, Rußland müsse "zerschlagen und seine Bevölkerung auf 50 Millionen reduziert werden." Wie, sagt er nicht. Aber die Marschrichtung ist klar.

Die russische Führung reagierte viel zu spät und halbherzig auf den Maidan-Putsch im Februar 2014 durch von Washington (lt. US-Vizeaußenministerin Nuland mit 5 Mrd [!] Dollar) aufgebaute, bezahlte und gesteuerte bewaffnete Banden, also eine klare völkerrechtliche Aggression (i.S.v. Art. 3 Buchst. g der UN-Resolution v. 14.12.1974 – für juristische Pedanten) der USA gegen die Ukraine, genauso wie der achtjährige Krieg gegen deren Ostteil ab dem 13. April 2014, als die neue US-hörige Putschistenregierung in Kiew nach ihrem Besuch durch CIA-Chef Brennan verkündete, sie werde die riesigen Massendemonstrationen im Osten des Landes, die dessen Rückkehr zu einer verfassungsmäßigen Regierung und Staatsform forderten, als „Terrorismus“ behandeln und durch die Armee niederschlagen lassen. Putins "militärische Sonderoperation" – vom Westblock als "völkerrechtswidriger", gar "imperialistischer Angriffskrieg" ausgeschrieen (plötzlich, nach all den NATO-Angriffskriegen gegen den Irak, Jugoslawien, Afghanistan, Libyen, Syrien, die man nicht als solche "definieren" zu können vorgab, wußte man jetzt auf einmal wieder, was ein "Angriffskrieg" ist – warum schlug man diesen Heuchlern nicht unerbittlich Art. 26 GG um die Ohren?!?) – ist ihrem Charakter nach ein überaus spätes Reagieren auf alles dies, ein militärisches Vorgehen mit "angezogener Bremse", mit selbstauferlegten Beschrän­kungen z.B. in der Wahl der Waffen und der Auswahl der Ziele. (Die Yankees kannten solche Skrupel nie; von Anfang an bombardierten sie die "Paläste" Saddam Husseins mit dem Ziel seiner Ermordung; Forderungen nach "humanitären Korridoren" für die Zivilbevölkerung hätten sie mit einem derben "Fuck you!" abgetan.)

An diesem Paradoxon – Krieg, aber bitte schön "humanitär" – schien sich der Konflikt zwischen Putin und seinem Prätorianer-Chef, so hatte es zunächst den Anschein, zu entzünden. Letzterer, ein ehemaliger Vertrauter des Präsidenten, ein "Mann fürs Grobe", der unter anderem die Einsätze seiner Söldner in Syrien und Mali leitete und in der Ukraine an vorderster Front (und mit hohen Verlusten) kämpfte, vor allem in den wochen- und monatelangen Gefechten um Bachmut (wo dem Vernehmen nach 40.000 ukrainische Soldaten und NATO-Söldner gefallen sein sollen), kritisierte seit längerem die verkrampft-inkonsequente Dreiviertels-Kriegführung: seinen Leuten fehle es an Munition und Nachschub; es sei ein schwerer Fehler, die ukrainischen "Entscheidungszentren" mit militärischen Schlägen zu verschonen (worüber sich NATO-Hampelmann Selensky sehr erleichtert zeigte und seit der entsprechenden russischen Zusicherung nur noch frecher wurde); schließlich, so Prigoschin, mache sich die russische Führung zum "Clown" und Affen, wenn sie angesichts der ungeheuren NATO-Waffenströme in ihren ukrainischen Frontstaat mit dem Einsatz taktischer Nuklearwaffen drohe, ständig "rote Linien" ziehe, ohne je diesen Drohungen und "roten Linien" Taten folgen zu lassen. So weit ist Prigoschins Kritik an der "Cunctator"-Taktik des Zauderers Putin ohne weiteres nachvollziehbar.

Putin – er steht stellvertretend für die politische und militärische Führung Rußlands insgesamt – schien diese "Eigenmächtigkeit" des von ihm eingesetzten Prätorianers sauer aufzustoßen, zumal dessen Kritik die Schwachstellen der russischen Strategie bloßlegte, und er versuchte infolgedessen, Prigoschin – der nicht nur über erhebliche militärische Schlagkraft verfügte, sondern medial in Rußland stark präsent ist und sich offenkundig großer Beliebtheit erfreut – auf "sanftem Wege" zu entmachten, indem er dessen Kämpfer in die regulären russischen Streitkräfte zu integrieren versuchte. Stichdatum hierfür war der 1. Juli; dem Söldnerchef lief also die Zeit davon, und so versuchte er es mit der "Flucht nach vorn" – verantwortungslos und brandgefährlich, weil er seine Interessen als Unternehmer in militaribus über die Staatsbelange stellte. Nun galt schon in der römischen Spätantike die eherne Regel, daß die Lebenserwartung der Kaiser strikt von ihrem Verhalten gegenüber der Prätorianergarde abhing. Zeigten sie sich knausrig oder sonstwie ungnädig, dann hatten sie ihr Todesurteil unterschrieben; so erklärt sich die oft erstaunlich kurze Regierungsdauer und die rasche Abfolge der Imperatores und Augusti. Allerdings erwies sich der spätantike Zwangsstaat auf lange Zeit stabil; es war nie die Frage, ob ein unvorsichtiger Kaiser durch den Quisling eines Parther- oder Sassanidenherrschers abgelöst werden könnte. Anders im Falle Rußlands: Hier lauert der Westblock mit gewetztem Messer darauf, einen Chodorkowski oder sonst eine Pappnase nach seinem Geschmack – einen Gorbatschow 2.0, auch ein Suffkopf wie Jelzin täte es – an Putins Statt einzusetzen. Deshalb das Triumphgeheul und Gejohle der Unisonomedien des Westblocks, die dem russischen Präsidenten das Schicksal des scheußlich gelynchten Gaddhafi an den Hals wünschten – ein innerer Reichsparteitag für die US-Kriegstreiber und ihre Vasallen.

Was geschah nun genau? Darüber sind, aus den erwähnten Gründen, nur Mut­maßungen mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit möglich. Daß Prigoschin geäußert haben soll, der Krieg gegen die Ukraine sei nicht gerechtfertigt, weil von ihr keine Bedrohung für Rußland ausgehe, und die russischen Soldaten stürben nur für die Gier der russischen Generäle nach Orden und Lorbeerkränzen, hätte ohne weiteres ein NATO-Fake sein können, eine der zahllosen, für die US-Geheimdienste und ihren medialen Anhängseln so typischen false flag operations. Denn dann hätten Prigoschins Truppen nicht von Anfang an und schon so lange und unter großen Opfern an vorderster Front gekämpft (worauf sich ihre Popularität bei der russischen Bevölkerung gründet). Aber der schlechte Witz war: Prigoschin hatte diese Äußerungen tatsächlich getätigt, und zwar aus folgendem Grund: Die Kontrakte vieler seiner Kämpfer liefen aus, und ihre Übernahme in die regulären Streitkräfte Rußlands stand bevor. Er hätte sich mit seiner vollzähligen Truppe aber lieber dem für ihn lukrativeren "Afrika-Geschäft" zugewendet statt dem verlustreichen Krieg gegen die NATO/Ukraine, und da er sein "Geschäftsmodell" sich in Luft auflösen sah, kündigte er seinen "Marsch für Gerechtigkeit" an.

Verhielt es sich tatsächlich so, wie der Prätorianer Prigoschin behauptet, daß seine Kämpfer von russischen (oder kaukasischen) Truppen unter Feuer genommen und dreißig seiner Leute getötet worden seien, woraufhin er den Marsch nach Rostow und weiter auf Moskau als eine Art bewaffnete Kundgebung unternommen habe? Das Video, das Prigoschin "zum Beweis" präsentierte, läßt nichts dergleichen erkennen. Oder war dies eine gezielte US-Provokation mit russischen Waffen – keineswegs abwegig, wenn man bedenkt, daß ukrainische Truppen mit einer russischen Rakete ein niederländisches Passagierflugzeug (MH17) abgeschossen hatten, eine militärisch verdeckte "schmutzige" Operation (black op im US-Slang) und eine Neuauflage des provokativen Überflugs eines koreanischen Jumbos über sowjetisches Territorium mit zwangsläufig nach mehreren internationalen Standards getätigten Warnungen erfolgendem Abschuß? Seinerzeit wurde damit die Stationierung US-amerikanischer atomarer Erstschlagswaffen (Pershing II, Cruise missiles) in der BRD gegen starken Widerstand in der Bevölkerung propagandistisch durchgeboxt; dies war der Anfang vom Ende der Sowjetunion (eine Handreichung der damaligen SPD-Regierung unter Kanzler Schmidt um den Preis möglicher eigener Vernichtung – das Schlagwort "Euroshima" möge genügen –, aber so sind rückgratlose Lakaien nun einmal; auch der gegenwärtige Kanzlerdarsteller läßt sich ja die Gasleitung vor der Nase wegbomben, ohne auch nur Pieps zu sagen). In die Richtung einer gezielten US-Provokation weist die kryptische Mitteilung, US-Stellen hätten einen Tag vor der russischen Führung von dem geplanten "Putsch" Prigoschins erfahren. Hatten die russischen Geheimdienste wieder einmal gepennt, oder hatten die US-Militärs durch ihre Handlanger einmal mehr den Finger am Abzug? Das ist jedenfalls alles andere als ausgeschlossen.

Fakt ist, daß Prigoschins Kämpfer die Millionenstadt Rostow, Sitz des südlichen russischen Militärkommandos, einnahmen, ohne auf Widerstand zu stoßen. (Die dort stationierten Truppen und ihre Kommandeure mögen irritiert und verwirrt gewesen sein, handelte es sich doch um "ihre Leute".) Wie vereinzelt Videos belegen, feierten die Rostower auch die einen Tag nach dem gescheiterten "Putschversuch" abziehenden Kämpfer Prigoschins. Deren zuvor erfolgter Vormarsch nördlich nach Woronesch und weiter auf das 200 km entfernte Moskau ging so reibungslos vonstatten wie ein heißes Messer durch ein Stück Butter. Verhielt es sich tatsächlich so, daß Prigoschins Truppen sechs angreifende Hubschrauber und ein Kampfflugzeug der russischen Luftwaffe abschossen, deren Besatzungen ums Leben kamen, daß sie aber mit keinen russischen Bodentruppen in feindlichen Kontakt gerieten? Leidlich gesichert ist, daß ein Helikopter und ein Flugzeug der russischen Luftwaffe abgeschossen und 13 Besatzungsmitglieder getötet wurden. Die russischen Stellen halten sich hier bedeckt und geben dies nachträglich als Stärke aus. Gleichzeitig sprach Putin nachweislich vom "Verrat" und "Dolchstoß" des Prätorianer-Chefs, der unverzüglich bestraft werden müsse. Dies war die heikelste Phase unmittelbar an der Schwelle zum Bürgerkrieg.

Stimmt es, daß Putin Moskau panikartig verlassen habe, während die Zufahrtstraßen zur Hauptstadt mit Schützenpanzern und Bussen blockiert und in aller Eile Gräben ausgehoben wurden? So johlten wenigstens die Lügenmedien des Westblocks. Einige unserer Genossen hielten sich urlaubshalber während dieser brenzligen Tage in Petersburg und Moskau auf: In Petersburg herrschte die ungetrübte Feierlaune der "weißen Nächte", in Moskau hatte man immerhin einen "arbeitsfreien" Tag verfügt, da man nicht wußte, wie sich die Dinge weiterentwickeln würden – aber in beiden Metropolen hatten sie wesentlich weniger über die Vorgänge erfahren als wir, die wir am Lügentropf der Unisono-Medien hängen! Und diese Politik der Beschwichtigung durch Verschweigen, Unterschlagen und Verbreiten eines grund- und hirnlosen Optimismus ist fatal – fatal und verhängnisvoll. Die russische Bevölkerung ist freundlich und zuvorkommend, aber völlig ahnungslos und illusionsgeladen, was die Bösartigkeit des Westblocks und seine finsteren Machenschaften anbelangt. Wie kann es auch anders sein, wenn sie von der Führung mit Wiegenliedern eingelullt wird? "Der Weg zu einer besseren multipolaren, multilateralen Welt ist unumkehrbar", so frohgemut Außenminister Lawrow. Und sein Chef Putin über den Westblock: "Die oben können nicht mehr, und die unten wollen nicht mehr." In welchem Paralleluniversum leben diese Herrschaften? Welch kuriose Blüten eine solche hanebüchene Realitätsverkennung bzw. -verbiegung bis -aus­blendung treiben kann, belegte vor kurzem ein gewisser Prof. Karaganow, ehemals Berater von Jelzin und Putin, jetzt seines Zeichens Vorsitzender eines Moskauer Instituts für wirtschaftliche Entwicklung und internationale Beziehungen. Er stellte in einer "Analyse" der aktuellen Weltlage fest, daß sich die USA im "Niedergang" befänden und ihre Führung "desorientiert" sei, habe sie doch zwei Kriegs­niederlagen erlitten: in Afghanistan und im Irak... Nochmals: in welchem Wolken­kuckucks­heim leben diese Leute? Wurde Bush junior oder Saddam Hussein gehängt? Aber es kommt noch dicker: Die Atombombe, so dozierte dieser Professor (für Apokalypse?), sei "durch göttliche Intervention" in die Welt gekommen, weil die Menschen vergessen hätten, "was die Hölle ist". Damit ist die Grenze zur klinischen Verrücktheit definitiv überschritten. Man sollte so jemanden gut behandeln, gewiß, aber ihm "um Gottes willen" keine repräsentativen Funktionen zuschanzen! (Der "Vater der Atombombe" hatte tatsächlich einen Namen, aber er lautete nicht Jahwe, sondern Oppenheimer, oh du selige Einfalt...) Gut möglich, daß selbst die US-Strategen – stets rational bei ihren verbrecherischen Planungen – hier die Köpfe schüttelten und sich fragten, ob sie angesichts solcher Hirnrissigkeit tatsächlich noch Atomraketen bräuchten... Aber eines ist klar: für die russische Bevölkerung, von solchen Führern eingeschläfert und in falscher Sicherheit gewogen, wird es ein böses Erwachen geben, aber dann wird es zu spät sein.

Ob der russische Prätorianer-Führer nun leichtsinnig, in seinem Ehrgeiz verblendet, von seiner Geschäftsgier getrieben oder doch ein bestochener Verräter war – behauptete die russische Führung tatsächlich, er habe mit "westlichen Geheimdiensten" Kontakte geknüpft, oder ist auch dies eine false flag operation der Westblock-Lügenmedien? –, blamabel für die russische Staatsführung, die zum Schluß in einen faulen Kompromiß einwilligte und den "Verräter" Prigoschin straflos ziehen ließ, ist das Ganze allemal. Auch hier schoß Putin den Vogel ab, als er die Vorgänge um den angeblichen oder tatsächlichen Putschversuch mit der Revolution des Jahres 1917 verglich, als der Zar abgesetzt und hingerichtet wurde und der junge, von den imperialistischen Mächten sofort bedrängte revolutionäre Staat durch den Diktatfrieden von Brest-Litowsk riesige Gebiete verlor. Die Medien des Westblocks stellten süffisant und schadenfroh postwendend fest, dieser Vergleich habe seine Tücken, denn Putin setze sich damit mit dem Zaren gleich, und dessen Ende sei ja bekannt... Überdies ist dieser Vergleich nicht nur unpassend, sondern einfach nur strohdumm: Wie kann man die Aktion eines dubiosen Prätorianers mit der koordinierten, entschlossenen Vorgehensweise des bewaffneten russischen Volkes unter Anleitung der Bolschewiki gleichsetzen? Der antikommunistische Haß macht offenkundig blind, sonst könnte man die genialen Strategen der russischen Revolution, Lenin und Trotzki, nicht mit einem glücklosen Hasardeur und Söldnerführer gleichsetzen.

Der angerichtete Schaden ist also immens, und wie es weitergeht, wird sich erweisen: jedenfalls nicht zum Guten des in einen zermürbenden Abnutzungskrieg getriebenen Rußland. Wir haben mit einer Tatsachenbehauptung begonnen, und wir werden mit einer solchen schließen: Jeder an die ukrainischen NATO-Handlanger gelieferte "Leo", jeder Marder oder Gepard, jede Patriot-Rakete, jeder Schuß Munition, jede Milliarde Steuergelder in den unersättlichen Rachen der Faschistenriege um den ehemaligen TV-Komödianten ("Ertüchti­gungshilfe" nennt das die Lügen- und Suggestionspresse) bedeutet: Zigtausende Kranken­betten hier weniger, Medikamentenmangel, kein Hustensaft für Kinder und fehlenden Zahnersatz für die Alten, Pflanzenfraß auf den Teller, schleichende Reiseverbote und bei alledem: Maul halten. Man muß nur so blöd sein, sich über den russischen Todeskampf zu freuen, wie seinerzeit über den würdelosen Untergang der Sowjetunion. Seitdem hat sich der Lebensstandard in den Industrienationen des Westblocks ja ohnehin schon halbiert.

Defaitismus und notorische Schwarzseherei sind unsere Sache nicht, wohl aber die unverbogene, illusionslose Wahrnehmung der Realität, sonst hätten wir nicht als einzige (!) Jahre vorher den Untergang der Sowjetunion zutreffend vorhergesagt. Der Interessierte sei in diesem Zusammenhang hingewiesen auf den Leitartikel der Ketzerbriefe 237:

 

 

26. November 2022

Die Mutter aller Lügen:
die Brutkastenbabys

Am 10. Oktober 1990 legte die angebliche kuwaitische Krankenschwester "Nayirah" vor einem selbsternannten "Gremium für Menschenrechte" die hier dokumentierte tränenreiche "Zeugen"aussage ab, welche im Anschluß in allen US-amerikanischen Fernsehkanälen ausgestrahlt wurde und schlußendlich den USA den gewünschten Vorwand lieferte, den Irak zu überfallen, das Land in Schutt und Asche zu bomben, Hunderttausende von Zivilisten, Männern wie Frauen, zu ermorden und genauso Kinder und Säuglinge verhungern und elendig krepieren zu lassen. Entscheidend war aber, daß mit der Brutkastenlüge die Stimmung im US-amerikanischen Volk dahingehend umschlug, eine Invasion in den Irak (besser gesagt: ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Irak) zu befürworten. "Nayirah", so hieß es, sei Zeugin gewesen, als irakische Soldaten im Sommer 1990 in einem kuwaitischen Krankenhaus Babys ihren Brutkästen entrissen hätten, um sie dann hilflos auf dem kalten Fußboden dem Tod preiszugeben (damals vermehrte sich die Zahl von zunächst 15 irgendwann sogar auf wundersame 300 Brutkastenbabys, von "Amnesty International" bestätigt; so viele Brutkästen auf einem Haufen mit den entsprechenden Frühgeborenen muß man, nur nebenbei, erst einmal in irgendeinem Krankenhaus dieser Erde finden...). Auch ein paar angeblich "vergewaltigte" britische Stewardessen irrlichterten als "Zugabe" kurzfristig durch die Medien.

Einige Monate später wurde allerdings bekannt, daß diese angebliche Krankenschwester die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA war und die US-Regierung unter Bush sen. die PR-Agentur Hill & Knowlton beauftragt hatte, diese Lüge in die Welt zu setzen, um einen Kriegsgrund gegen den Irak zu erfinden. Diese public relations-Agentur hatte den Auftrag umgesetzt und mit "Nayirah" ihren Auftritt eingeübt, nachdem man über Meinungsumfragen zu der Erkenntnis kam, daß sich das Volk am meisten über ermordete Säuglinge, die wehrlosesten und mitleiderregendsten aller Opfer, empört und damit einen Überfall auf ein anderes Land tendenziell befürworten würde.

Hill & Knowlton mag exemplarisch für die intelligente Arbeit der spin doctors stehen; ihre "Öffentlichkeitsarbeit" (public relations) hätte man früher einfach als Propagandaarbeit bezeichnet. Nicht umsonst brüstete sich schon der erste so genannte spin doctor der Geschichte, Edward Bernays, damit, daß Goebbels alle seine Bücher kannte. Nun, seitdem haben sie eher noch dazugelernt.

Man kann, ob Freund oder Feind des US-Monoimperialismus, diese Inszenierung als "Mutter aller Lügen" bezeichnen, denn sie steht exemplarisch für eine nach dem Untergang der Sowjetunion neue Qualität an designter Lüge und Propaganda der US-Aggressoren, mit der ein ganzes Land mal eben schnell "zurück in die Steinzeit" gebombt wurde, ohne daß die "Lügenpresse" – das Wort war damals noch nicht geprägt – den zutreffenden Terminus "Angriffskrieg", der ihr jetzt so locker sitzt, auch nur gepiepst hätte.

Das Ausmaß an Lüge und Suggestionen (in Deutschland seinerzeit durch die auf Machtanschleimer Hans Magnus Enzensberger zurückgehende Propagandaformel "Saddam = Hitler" ergänzt; der 'Spiegel' trompetete sie hinaus) die tagtäglich auf unser Hirn einprasseln, ist inzwischen unerträglich geworden, und man tut gut daran, exemplarisch an einem Beispiel die Struktur, wie die spin doctors psychologisch vorgehen, zu verstehen, um zu gegebener Zeit die nächste Lüge schneller zu durchschauen (man will ja schließlich nach Rußland auch noch Krieg gegen China führen, der nächste Vorwand kommt bestimmt...). Das Prinzip lautet: Je größer die Lüge, desto eher wird sie geglaubt – unter der Voraussetzung, daß sie von einem "starken Sender" kommt.

Da die "kuwaitische" Krankenschwester mit ihrem amerikanischen Akzent und der heuchlerisch tränenerstickten Stimme schwer zu verstehen ist, veröffentlichen wir den Wortlaut in der beigefügten PDF-Datei.

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